Ich verstehe die Welt nicht mehr

Bin ich zu minimalistisch, zu alt oder zumindest zu altmodisch oder was ist mit der Welt los?

Habe bei Facebook gerade eine Anzeige gelesen – ja, hab im Moment viel Zeit, liege krank im Bett –

Diese Anzeige lautet: Suche Friseurin für Konfirmation.

Hallo, wieso braucht man für eine Konfirmation eine Friseurin? Will sie gleichzeitig heiraten, wo sie nun halt schon mal in der Kirche ist, oder was?

Wenn das „heutzutage“ so ist muss ich gestehen, dass ich bei meinen Hochzeiten (mit dem gleichen Mann, wohlgemerkt 🙂 ) selber in der Lage war die Haare zu waschen und zu kämmen, hab es sogar hin bekommen sie alleine zu föhnen 🙂 . Bei der zweiten Hochzeit – die gefühlt gerade erst war, wir wollten geregelte Verhältnisse für unsere Enkel 🙂 -hat allerdings meine Tochter Sarah gemeint, sie müsste mich schminken (bei der ersten Hochzeit gab es sie noch nicht).

Das ist jetzt nur der Aufhänger für Gedanken, die ich mir schon lange mache.

Es gibt so einige Dinge, die ich in meinem fortgeschrittenen Alter, nicht mehr nachvollziehen kann.

Meine Enkelin fragte letztens ob sie zu ihrer Freundin gefahren wird – hallo, das ist ein Fußweg von vielleicht eine ¼ Stunde – und ist in Weinkrämpfe ausgebrochen, als keiner die Notwendigkeit sah, ihr diesen Wunsch zu erfüllen.

Haben die Kinder heutzutage keine Beine mehr bis auf dem Boden?

Wieso sind wir nicht mehr in der Lage Wege zu Fuß zurück zu legen, wieso besteht der Tag aus so viel „Technik“? Wieso sitzen die Kinder am Wochenende kurz nach dem Aufstehen vor dem Fernseher, statt etwas Schönes in ihrem Zimmer zu spielen? Warum sitzen wir vor dem Fernseher, statt wie früher in den Wald zu gehen?

Wieso sind wir nicht mehr in der Lage „nichts“ zu tun. Gerade bei Kindern ist es enorm wichtig, wenn sie auch mal kein „Input“ bekommen.

Menschen treffen sich nicht mehr zu einem Gespräch, sondern sitzen sich gegenüber und schreiben WhatsApp Nachrichten. Sie gehen jemanden besuchen, der sich freut sie zu sehen und ihre Gesellschaft genießen will – und sie haben ständig dieses Kack-Handy in der Hand.

Ich sehe Eltern mit ihren Kindern, diese Eltern achten nicht auf die Kinder, sondern auf ihr Handy, sei es bei einem Spaziergang, auf dem Spielplatz, auf der Couch oder sogar bei der Hilfe ihrer Hausaufgaben.

Sehen wir denn nicht, dass wir emotionale Krüppel züchten????

Wenn etwas mit den Kindern unternommen wird, ist es spielen auf irgend so einer Spielekonsole oder es wird Fern gesehen. Dabei wird sich nicht unterhalten, wozu auch, es reicht ja wenn man sich gegenseitig anschreit, weil der andere gerade einen Punkt mehr hat. Am besten sitzt das Kind vor seinem Fernseher und die Eltern vor ihrem eigenen.

Wieso musss diese doofe Kiste eigentlich die ganze Zeit an sein?

Was ist mit gemeinsamen Spaziergängen, mit Fußball spielen draußen, Federball oder was auch immer – ist das inzwischen altmodisch?

Was ist mit Gesprächen? Was ist mit dem Mitteilen von Gefühlen – ob gut oder schlecht – scheißegal, wenigstens mitteilen. Austauschen, sich wahrgenommen fühlen. Das ist so wichtig!

Wieso wird hauptsächlich kritisiert, wieso nicht auch mal gelobt?

Da kann jemand noch so scheiße sein, ich finde immer was, was ich positiv hervorheben kann, wenn ich will – und wenn ich ihm nur sage, dass er gut riecht…

Wir brauchen zumindest hin und wieder das Gefühl von einem anderen Menschen 100% ige Aufmerksamkeit zu bekommen – sonst gehen wir ein wie Primeln ohne Wasser.

Im besten Falle positive Aufmerksamkeit und im noch besseren Fall auch Berührungen.

Wenn Menschen keine Aufmerksamkeit bekommen, gibt es verschiedene Ergebnisse:

Sie holen sich diese Aufmerksamkeit, das schafft man am besten durch Auffälligkeiten oder sogar Provokation in irgendeiner Weise. Dann hat man zwar keine positive Aufmerksamkeit, aber besser als gar keine.

Oder sie ziehen sich zurück, das ist sehr bequem für alle anderen, aber der Betroffene leidet wie Sau und wird seines Lebens nicht mehr froh. Er fühlt sich wertlos und wird in Zukunft, wenn auch unbewusst, dafür sorgen, dass sich seine Befürchtung bestätigt.

 

Noch mal zur „Langeweile“ – sie ist gut. Es ist nämlich so, dass wir nie nichts tun. Wenn wir nichts zu tun haben, selbst wenn wir nur rumsitzen, haben wir endlich die Zeit uns mit uns selber auseinander zu setzten.

Ich finde es so wichtig, ja sogar Lebensnotwendig, mal kein „Input“ zu haben.

Die meisten Menschen sind, fürchte ich, überhaupt nicht mehr in der Lage dazu – so entstehen Suchtverhalten, Ablenkungen jedweder Art. Ich denke sogar, wenn wir mit Ruhe nicht immer mal zwischendrin den „Reset-Knopf“ drücken, führt es dazu, dass wir immer mehr Ablenkung, Action oder was auch immer brauchen – irgendwann finden wir uns auf dem Dach eines Zuges oder in einer anderen gefährlichen Situation.

Ich durfte nach einem Zusammenbruch lernen für mich zu sorgen. Meiner Meinung nach, habe ich mich sehr, sehr lange Zeit überfordert. Irgendwann hat mein Körper gestreikt – vielen Dank für deine Mitteilung mein lieber Körper – und ich habe es geschafft „hinter die Kulissen“ zu schauen – vielen Dank meine liebe Seele, dass du meinen Körper vorgeschickt hast, sonst hätte ich es nie kapiert.

Ich musste sehr lange daran arbeiten. Es hat so lange gedauert, weil ich ein Einzelkämpfer war. In meiner Familie war es verpönt über Gefühle zu sprechen und Spiritualität oder wie immer du es nennen magst, war ein Fremdwort für mich und meine Umgebung. Also habe ich in jahrelanger Kleinarbeit alles zusammengetragen, was zu meiner Heilung beigetragen hat – und das hat nichts mit medizinischem Wissen zu tun – wobei ich auch da sehr viel gelernt habe 🙂 .

Ich durfte sehr viele Zusammenhänge erkennen und darüber lernen.

Das am einfachsten durchsetzbare ist Ruhe.

Bei uns im Haushalt, der 4 Generationen umfasst, ist immer Halligalli, mein Beruf ist zudem oft sehr herausfordernd.

Wenn ich genug habe, weil ich die anderen ja nicht manipulieren kann und will, bin ich weg.

Ich ziehe mich zurück, dabei entstehen dann oft meine Gedankenergüsse 🙂 oder ich „gehe in mich“.

Wenn ich nichts hören und sehen kann, bin ich ganz bei mir und wieder ausgeglichen.

Die Steigerung und Bewahrung meiner Ruhe ist die Fähigkeit „Entspannung“ auszuüben, auch wenn es mal hektisch ist – dennoch ist absolutes Alleinsein, sich „Langweilen“ – ohne Fernseher, Radio, Handy, Gedanken niederschreiben oder sogar ein Buch lesen meiner Meinung nach so wichtig wie Essen, Duschen etc. – eben Seelenhygiene.

 

Nun wieder zu den Kindern – ich würde niemals die Kinder alleine „beschuldigen“ ihre Fehler zu machen. Sie lernen von uns und schauen sich alles ab. Und da nützt, verdammt noch mal, nicht etwas zu sagen und etwas völlig anderes vorzuleben!!!!!!

 

Ich will mich bei meinen Schimpf-Tiraden nicht ausnehmen. Ja, mia culpa – ich habe sehr oft mein Handy in der Hand, schaue auch Fern oder sitze vor Facebook, ich bin allerdings sehr stolz darauf, dass ich das überhaupt noch wahrnehme, dadurch zurückrudern kann und es ändern – ich fürchte nämlich dazu sind sehr, sehr viele Menschen nicht mehr in der Lage.

 

Und jetzt ganz vorsichtig: wenn du in diesem Moment denkst „ich doch nicht“ bist du wahrscheinlich mitten drin……..

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